Naturschutzgebiet Schlichemtal

Kulturlandschaft

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Gäbe es den Menschen nicht …

… und wäre die Natur sich selbst überlassen, würde das Schlichemtal ganz anders aussehen als heute: Wir hätten keine Wiesen und Weiden, stattdessen wäre das Tal weitgehend von Wald bedeckt. Nur besonders felsige oder sehr feuchte Standorte wären waldfrei.

Wald
Natur ohne den Menschen:
Nur Wald, keine Wiesen und Weiden

Vielfalt dank Kulturlandschaft

Unserer Tausende Jahre alten bäuerlichen Kultur ist es zu verdanken, dass auch Offenland-Bereiche entstehen konnten. Erst hierdurch entwickelte sich eine kleinräumige, reich strukturierte Kulturlandschaft, die als Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen aber auch als Dokument unserer Kultur äußerst erhaltenswert ist.

Die Entstehung unserer Kulturlandschaft

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Altsteinzeit

115.000 bis 10.000 v. Chr.

Eiszeit in Europa

In Mitteleuropa wechselten sich seit vielen Millionen Jahren Warm- und Kaltzeiten ab. War eine Kälteperiode zu Ende, schmolzen in den wärmerem Phasen Schnee und Eis, die Flüsse wurden breiter, da sie mehr Wasser führten und die Meeresspiegel stiegen an. Wälder breiteten sich aus. In den Kaltzeiten verschwanden die Wälder wieder, in besonders kalten Regionen entstanden große Gletscher, wie z.B. in den Alpen und auf dem Feldberg im Schwarzwald und der Meeresspiegel sank.

Die letzte Eiszeit im Alpenraum ist das sogenannte Würm-Glazial, das von 115.000 bis 10.000 v. Chr. andauerte.

Vergletscherung
Während der letzten Eiszeit war neben den Alpen auch der Feldberg im Schwarzwald vergletschert. Zwischen dem Eisschild im Norden und den Alpengletschern befand sich eine baumlose Tundra (Kältesteppe).

Wie sah das Schlichemtal während der Eiszeit aus?

Im südlichen Mitteleuropa und damit auch im Schlichemtal befand sich eine im wesentlichen waldfreie Steppentundra mit Gras und niedrigen Sträuchern.

Rentiere
Während der letzten Eiszeit zogen Rentiere durch die Tundra des Schlichemtals

In dieser kargen und kalten Landschaft lebten große Säugetiere wie z. B. Mammut, Rentiere und Wildpferde, die mit ihrem dicken Fall und dank ihrer Körpermasse Wärme gut speichern konnten. Auf der Suche nach Nahrung durchstreiften sie in großen Herden die Landschaft und suchten auch immer wieder Flüsse zum Trinken auf.

Mittelsteinzeit

35.000 v. Chr.

Ankunft des modernen Menschen

Noch während der Eiszeit besiedelten Neandertaler und ab ca. 35.000 vor heute auch der moderne Mensch Mitteleuropa. Sie zogen als nomadische Jäger und Sammler umher und wechselten ihre Lagerplätze je nach Jahreszeit und dem Vorhandensein von Nahrung.

Steinzeitliche Jäger
Steinzeitjäger mit gezähmtem Wolf

Diese steinzeitlichen Jäger folgten den großen Tierherden auf ihren weiten Wanderungen. Vor allem Pferde, aber auch Mammuts und Rentiere waren neben Niederwild wie Hasen und Füchsen eine begehrte Beute. Gejagt wurde mit Speeren sowie Pfeil & Bogen. Die Spitzen ihrer Waffen wurden aus Stein bzw. Knochen und Horn hergestellt. Auch Fische und Vögel wurden gejagt sowie Beeren und Früchte gesammelt.

Mittelsteinzeit

13.000 v. Chr.

Es wird wärmer: Rückkehr der ersten Bäume

Mit zunehmender Erwärmung vor ca. 15.000 Jahren begannen die Gletscher abzuschmelzen, der Schwarzwald war relativ bald eisfrei und die bisher baumfreie Landschaft wandelte sich nach und nach in Wald um. Zunächst konnten sich Birken, Weiden und Kiefern ansiedeln, dann Hasel. Etwa um 10.000 v. Chr. waren große Teile Europas wieder bewaldet, allerdings waren diese Wälder noch sehr licht, da die klimatisch anspruchsvolleren Laubbäume wie Buche und Eiche noch nicht wieder nach Mitteleuropa eingewandert waren.

Wiederbewaldung
Die ersten Wälder waren sehr licht.
Wiederbewaldung
In ihnen konnten viele lichtliebende Kräuter wachsen.

Die großen Weide-Säugetiere zogen sich in die nunnmehr eisfreien, aber noch steppenartigen Landschaften des Nordens zurück, wie z.B. die Rentiere, oder starben aus. Aus den Kältesteppen konnten sich in unseren Breiten Pflanzen wie die Küchenschelle (Pulsatilla), das Federgras (Stipa), die Flockenblume (Centaurea) und der Wiesenknopf (Sanguisorba) halten.

Jungsteinzeit

6.000 - 3.000 v. Chr.

Ankunft von Eiche, Ulme und Linde

Orchideen
Viele Orchideen stammen aus dem Unterwuchs lichter Wälder.

Es folgte eine Klimaperiode mit 1,5 bis 2 °C höheren Sommer-Temperaturen als heute (das sog. Atlantikum), in der sich zunächst Laubbäume wie Eiche, Ulme und Linde etablierten. In diese noch sehr lichten Wälder wanderten wärmebedürftige Arten ein, die die Eiszeit im mediterranen Raum überdauert hatten. Viele unserer Orchideen stammen aus dem Unterwuchs dieser ehemals lichten Wälder.

Jungsteinzeit

5.000 v. Chr.

Die neolithische Revolution – Der Mensch wird sesshaft

Durch die Wiedererwärmung wurde nicht nur der Wald begünstigt, auch für den Menschen ermöglichte sich eine völlig andere Lebensweise, die sich vor etwa 7.000 Jahren geradezu revolutionär änderte: Damals wanderten Steppenbewohner aus Osteuropa und Bauern aus dem Südosten der heutigen Türkei ein. Die Neuankömmlinge führten ein ganz anderes Leben, als die bisherigen Jäger und Sammler: Sie brachten Haustiere wie Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine und Nutzpflanzen wie Getreide und Hülsenfrüchte mit, lebten in festen Häusern und betrieben Ackerbau und Viehzucht.

Familie in der Jungsteinzeit
Sesshafte Familie aus der Jungsteinzeit mit Getreide und ihren Haustieren.

Sie nutzten den Wald auf vielfältige Weise: Als Holzlieferant für Energie (Feuer) und für Baumaterial, als Ausgangsmaterial für alle Arten von Werkzeugen und Gegenständen sowie als Weidefläche für ihre Nutztiere, die zur Nahrungssuche in den Wald gelassen wurden. Ausserdem wurde die Blattstreu gesammelt – sowohl als Futter als auch als Einstreu. Darüberhinaus wurden Teile des Waldes gerodet, um Siedlungs- und Ackerflächen zu schaffen. All diese menschlichen Aktivitäten beeinflussten die Struktur und Artenzusammensetzung der Wälder.

Bronzezeit

2.000 v. Chr.

Rückkehr der Buche

Erst nach der Sesshaftwerdung des Menschen wanderte zuletzt auch die stark schattengebende Buche aus ihren kältezeitlichen Rückzugsorten wieder in Mitteleuropa ein. Zu diesem Zeitpunkt war der Wald durch die menschliche Nutzung bereits an vielen Stellen aufgelockert bzw. Ackerflächen und Weiden gewichen, sodass sich die Buche nicht mehr lückenlos auf allen ihr zusagenden Flächen ausbreiten konnte. Dennoch veränderte ihre Ankunft das Aussehen der Wälder entscheidend: Im Unterwuchs wurden sie nun stark ausgedunkelt. Viele lichtliebende Pflanzen und Tiere konnten sich nur noch auf den vom Menschen geschaffenen waldfreien Lebensräume wie Wiesen und Weiden halten. Andere zogen sich auf für Bäume ungeeignete Extremstandorte wie Feuchtgebiete und Felsbiotope zurück.

Buchenwald
Ein dichter Buchenwald hat den Hang erobert.
dunkler Buchenwald
Buchenwälder sind am Boden sehr dunkel, hier wachsen kaum noch Kräuter.
Bronzezeit

2200 - 800 v. Chr.

Bronzezeit: Viehhaltung verändert das Landschaftsbild

Steinzeitliche Jäger
Während der Bronzezeit entstanden großflächig Viehweiden.

Zwar entstanden die ersten Vieh-Weiden bereits während der Jungsteinzeit, wie Funde aus einem bandkeramischen Brunnen nachweisen. Reste von Margerite, Wilder Möhre, Dost, Johanniskraut und Wiesen-Klee zeigen, dass zumindest im Bereich der Siedlungen Schon Wiesen entstanden waren.

Aber erst während der Bronzezeit breiteten sich diese Magerrasenflächen – parallel zum Bevölkerungswachstum – weiter aus, wobei es sich ausschließlich um beweidete Flächen handelte (die Mahd von Wiesen kam erst in der folgenden Eisenzeit auf). Für die späte Bronzezeit ist die Herstellung von Käse aus Kuhmilch belegt.

Eisenzeit

750 v. Chr. - 500 n. Chr.

Eisenzeit: Die ersten Mähwiesen

In der Eisenzeit verstärkte sich der Einfluss des Menschen auf die Umwelt. Grössere Flächen dienten nun dem Anbau von Gerste, Weizen und Hirse. Neu kam der Hafer hinzu. Ferner wurden Erbsen, Bohnen und Linsen kultiviert. Erstmals mähte man nun die Wiesen und legte Heuvorräte für das Vieh an.

Heuernte mit Sense
In der Eisenzeit begann der Mensch erstmals damit, Wiesen zu mähen, um Heuvorräte für den Winter anzulegen.

Botanisch bemerkenswert ist der bei Villingen befindliche keltische Grabhügel "Magdalenenberg", der etwa 600 v. Chr. angelegt wurde: In ihm haben sich die zum Bau verwendeten Gras-Soden erhalten: Sie bestanden aus vielen Pflanzen wie wir sie auch heute von unseren Magerrasen kennen, u. a. Günsel, Kronwicke, Enzian, Acker-Witwenblume, Hopfenklee, Pimpernelle, Wegerich, Fingerkraut und Sternmiere.

Mähwiesen sind erst während der Eisenzeit entstanden, als der Mensch in der Lage war, Mähwerkzeuge wie Sichel und Sense aus dem deutlich härteren Eisen herzustellen. Nun konnten Heu bzw. Einstreu für das Vieh im Stall produziert werden. (Davor wurden die Tiere neben dem Weidegang mit Blütenkätzchen und Laub von Bäumen und Sträuchern gefüttert.)

Mittelalter

500-1500 n. Chr.

Die Landschaft im Mittelalter

Kulturlandschaft im frühen Mittelalter
Die rot markierten Flächen wären ohne den Menschen nicht vorhanden, stattdessen wäre überall Wald.

Eine großflächigere Wiesennutzung erfolgte jedoch erst im Laufe des Mittelalters mit der im Gebiet verbreiteten Feldgraswirtschaft, das heißt einem Wechsel von Acker- und Wiesen- bzw. Weidenutzung im mehrjährigen Turnus: Nach 1- bis 2-jährigem Getreideanbau waren die Böden meistens erschöpft. Man ließ nun eine mindestens ebenso lange Phase folgen, in der die Fläche extensiv als Weide genutzt wurde und sich wieder Nährstoffe anreichern konnten. Formen der Feldgraswirtschaft gibt es heute noch in den Hochlagen von Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Etwa 1.100 n. Chr. wurde der eiserne Radpflug erfunden. Damit konnte der Boden deutlich besser bearbeitet werden als mit dem hölzernen Hakenpflug. Nun setzte sich die Bewirtschaftungsform der Dreifelderwirtschaft durch: Anstatt der Hälfte lag nun jedes Jahr nur noch ein Drittel der Fläche brach. Bis vor wenigen Jahrzehnten war dies in vielen Gegenden die vorherrschende Form der Landbewirtschaftung.

Dreifelderwirtschaft
Bis vor wenigen Jahrzehnten war die kleinräumige Dreifelderwirtschaft die typische Bewirtschaftungsform.
Spätmittelalter und Beginn der Neuzeit

1348 - 1648

300 Jahre Not: Pest, Kleine Eiszeit und Krieg

Stark geprägt wurde unsere Kulturlandschaft auch durch eine spätmittelalterliche Wüstungsperiode: Die Entvölkerung ganzer Landstriche durch schlechte klimatische Bedingungen und durch die Pest, die ab 1340 in mehreren Wellen in Europa wütete. Den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 überlebte in Süddeutschland nur ein Drittel der Bevölkerung!

Pest
Ausbreitung der Pest in Europa.
Krieg
Tod und Vertreibung im Dreißigjährigen Krieg.

Die durch den katastrophalen Bevölkerungsrückgang brach gefallenen Acker- und Grünlandflächen wurden in Südwestdeutschland über eine Ausdehnung der Wanderschäferei wieder in Nutzung genommen. Diese Tradition gipfelte in einer Hochblüte der Schafhaltung und des Woll-Exports zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als in Deutschland bis fast 30 Millionen Schafe gehalten wurden. (Zum Vergleich: Heute sind es ca. 1,5 Millionen.)

Durch die großflächige Beweidung gelang es, die Landschaft weiterhin offen zu halten. Gleichzeitig entstand eine Art natürlicher Biotopverbund, da sich in der dichten Wolle der wandernden Schafe Insekten und Pflanzensamen über weite Strecken verbreiten konnten.

Heute

2019 n. Chr.

Vom Biodiversitäts-Spitzenplatz zur Roten Liste

Ihren Höhepunkt erreichte die heimische Artenvielfalt in der kleinbäuerlich geprägten Kulturlandschaft vor etwa 150-200 Jahren. Mit der seither einsetzenden Technisierung der Landwirtschaft, dem Einsatz von Kunstdünger und der chemischen Schädlingsbekämpfung begann ein sich schnell beschleunigender, heute rasanter Rückgang der Lebensräume und der Artenvielfalt.